Ein Reise-Tagebuch
der 'Coolen Streicher'

Emily Pfankuch, Christina de Cavalho, Pegah Nurian

„Für mich waren diese zehn Tage die schönste Zeit, die ich erlebt habe, seit ich Musik mache. Wir brauchten keine Worte, um uns zu verständigen, denn die Musik hat uns zusammengeführt. Wir haben gemerkt, dass es in der Musik keine Grenzen gibt, weder musikalische noch menschliche, und diese Erfahrung kann uns keiner mehr nehmen.“ (Maren, 12 Jahre)

Was Maren da beschreibt, zeigt wie wir alle den Austausch mit den chilenischen Schülern der „Escuela Popular de Artes“ in Achupallas erlebt haben. Nach dem Besuch einer Gruppe chilenischer Schüler bei uns in Deutschland im Jahr 2004 durften wir im Oktober 2005 zu einem Gegenbesuch nach Chile reisen. Vorher haben wir viel geprobt, denn wir wollten in Chile ja viel erleben und nicht nur üben müssen.

Und dann war es endlich so weit. Da war die Freude aber groß, als wir uns alle wieder gesehen haben! Die Chilenen hatten die Einweihungsfeier des neuen Schulgebäudes auf den Tag unserer Ankunft gelegt. Wir sind vom Flughafen direkt zum großen Fest gefahren. Wir wurden so herzlich empfangen, dass selbst die ganz Kleinen von uns mitfeiern wollten – nach der langen Reise. Es war so, als wäre unsere Deutschlandtour gar kein Jahr her gewesen. Die ganze Zeit über haben wir immer Briefe an unsere Freunde in Chile geschrieben und geplant, was wir alles machen wollen, wenn wir da sind. Wir haben uns soooooooooooooo gefreut.

Man hat überhaupt nicht gemerkt, dass wir das Programm auf zwei verschiedenen Kontinenten erarbeitet hatten. Wir waren so gut vorbereitet, dass es in der ersten Probe schon ganz toll klang. Salut Salon und die chilenischen Lehrer waren sehr verwundert, wie schnell aus diesen vielen Musikern ein harmonisches Orchester wurde. Wir waren immerhin 38 deutsche und 42 chilenische Kinder.

Es war schon ganz schön eng in der alten „Escuela Popular“. Der Proberaum in der alten Schule ist so klein, dass wir da nur „übereinander gestapelt“ proben konnten. Deshalb haben wir einen Teil der Proben im Neubau gemacht. Wir haben in unseren Vorbereitungskursen viel über den Neubau gesprochen und hatten deshalb eine ungefähre Vorstellung. Aber wenn man dann das fertige Ergebnis „live“ sieht, ist das schon sehr anders als die ganze Theorie. Wir waren begeistert von dem neuen Gebäude. Der Neubau hatte aber noch keine Innenausstattung. Dafür hatten wir ja einen Monat zuvor erst das große Benefizkonzert gespielt.

Ich konnte mir vorher gar nicht vorstellen, wie ein Haus ohne Innenausbau aussieht, obwohl wir so viel davon gehört hatten. Es war sehr kalt im Neubau. Es gab noch keine Wasser- und Stromleitung, keine Heizung und Toiletten und zu der Zeit nur ein paar Fenster. Einige von uns haben mit Mütze geprobt. Zum Glück haben uns „Kinder helfen Kindern“ und „Ein Herz für Kinder“ noch geholfen, sonst hätte es wohl doch nicht geklappt, dass wir mit allen Coolen Streichern fahren und auch noch 10.000.- € für den Innenausbau der chilenischen Musikschule mitbringen konnten.

Unsere chilenischen Freunde waren an die Kälte mehr gewöhnt. Angelika und Pei Wen von Salut Salon haben nachts so gefroren, dass sie mit Mantel und Schuhen geschlafen haben - Angelika auch mit Handtasche. Einiges war für uns sehr ungewohnt, z.B. Flohstiche. Pegah hatte mit Abstand die meisten. Angelika meinte, dass es daran liegt, dass sie selbst ein Floh sei…

Für uns Deutsche war das schon sehr beeindruckend, mit wie wenig die Chilenen auskommen müssen. Carla zum Beispiel wohnt mit ihren beiden Schwestern, ihrer Mutter, ihrem Bruder und ihrer kleinen Nichte in einer kleinen Hütte, in der es durch das Dach regnet und die Wände schimmeln. Aber sie haben kein Geld, um daran etwas zu ändern. Da haben wir erstmal gesehen, wie gut wir es in Deutschland haben. Jemand wie Carla könnte ohne das Achupallas-Projekt niemals ein Instrument lernen, weil ihre Mutter keinen Unterricht und schon gar kein Instrument bezahlen könnte.

Die Familien in Achupallas halten aber toll zusammen. Sie wissen es sehr zu schätzen, dass ihre Kinder in der Schule Musik lernen dürfen. Es war ein ganz neuer Blick für uns, dass die Kinder hier froh und dankbar sind, wenn sie etwas lernen dürfen. Wir haben ja immer eher das Gefühl, dass wir etwas lernen müssen. Die Eltern der Schüler haben die ganze Nachbarschaft mobilisiert, um uns zu versorgen. So einen Zusammenhalt kannten wir aus Deutschland nicht. Jeder hilft da jedem. Uns fehlte es an nichts. Wir haben gesehen, wie viel man geben kann, auch wenn man nur ganz wenig hat. Sie hatten zwar keine Markenjeans und DVD-Player, aber dafür so viel Herzlichkeit!

Wir haben vier Tage ganz viel geprobt, weil wir am fünften Tag schon das erste Konzert geben sollten. Salut Salon haben sich in den Pausen den Ablauf der Konzerte überlegt und unsere Moderationen geschrieben – alles auf spanisch! Unser erstes Konzert haben wir in der Kirche des Dorfes, in dem die Schule steht, gegeben. Wir haben mittags selbst Flyer auf dem Markt verteilt und alle Dorfbewohner eingeladen. Eintritt hätte ja keiner zahlen können…

Die Gemeinde hat sich riesig gefreut. Und für uns war es auch sehr besonders, weil wir an diesem Abend die ganzen Freunde und Verwandten von den Chilenen kennen gelernt haben. Die nächsten Konzerte waren sehr anders. Eine chilenische Firma hat für uns kostenlos zwei Busse gechartert, die uns von einer Stadt zur nächsten gefahren haben. Die Busfahrten waren toll: Wir haben Musik gemacht und sind durch den Bus getanzt. Wir haben viel von den Chilenen gelernt, zum Beispiel die Art, mit der Musik so spielerisch umzugehen, zu jeder Zeit wo es möglich ist mit allem zu musizieren, sei es Besteck, Gläser, Eimer, die Hände oder eben „richtige Instrumente“, auch wenn man schon acht Stunden geprobt hat. Wir Deutschen spielen ja nur ein Instrument und das auch nur, wenn wir „üben“ oder ein „Konzert geben“. Die Chilenen leben die Musik in ihrem Alltag. Das war sehr neu und sehr beeindruckend für uns. Manchmal habe ich gedacht, dass wir viel mehr von den Chilenen gelernt haben als die von uns…

Wir haben Konzerte gegeben in Santiago de Chile, Valparaíso, Viña del Mar, Achupallas, und San Felipe. Unser Lieblingsstück war „El Torrito“. Das ist ein ganz bekannter chilenischer Tanz. Für dieses Folklorestück haben uns unsere Freunde selbst chilenische Hemden genäht. Bei unserem letzten Konzert wurde uns langsam klar, dass unsere wunderschöne Zeit bald zu Ende gehen wird. Wir ahnten schon, dass wir unsere Freunde sehr vermissen würden. Wir sind uns über die gemeinsame Zeit in Deutschland und Chile einfach sehr nah gekommen.

Wir kannten das „Trennungsdrama“ ja schon von dem letzten Jahr und wussten dieses Mal besser als bei unserer ersten Trennung, dass man über E-Mails viel austauschen kann. Trotzdem gab es am Flughafen glaub ich keinen, der nicht geweint hat. Wir werden versuchen, unsere Freunde so oft wie möglich zu besuchen. Einige von uns planen ihr Auslandsjahr dort. Kaja hat an der Schule nach ihrem Abitur 2004 bereits ein halbes soziales Jahr gemacht und Victor ist im Oktober 2005 nach Deutschland gekommen, um an der Hamburger Musikhochschule Saxophon zu studieren.

Außerdem unterstützen wir die Schule natürlich weiter mit allem, was uns möglich ist. Dafür suchen wir mit Salut Salon gerade Menschen, die Patenschaften für unsere Freunde übernehmen. Denn wir haben erlebt, dass die Escuela Popular wirklich eine tolle Sache und total wichtig für die Kinder und Jugendlichen der Gegend ist. Mehr als wir uns das von Deutschland aus vorstellen konnten. Am Ende dieses Jahres (2006) wird der von uns finanzierte Innenausbau abgeschlossen sein. Dann können unsere Freunde endlich (!) ohne Handschuhe proben.

Zum Schluss wollen wir noch schreiben, was unser Freund Victor gesagt hat, weil wir finden, dass er wirklich Recht hat: „Sólo hablo dos lenguas: latinoamericano y la lengua de la música. Pero la música es amistad!” (Ich spreche nur zwei Sprachen: lateinamerikanisch und die Sprache der Musik. Aber Musik ist Freundschaft)

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